"ERFAHRUNGEN BEIM VERFASSEN EINES LEHRBUCHES"
Vortrag gehalten im Juli 2002 im Institut für Meteorologie der Freien
Universität Berlin
Das Motiv für diesen Vortrag war der Wunsch, einmal erzählen zu dürfen, welche
Höhen und Tiefen man erleben kann, wenn man über 10 Jahre lang an einem
"Lehrbuch" schreibt, in wie viele Sackgassen man in so langer Zeit
geraten kann, und auf welchen Umwegen man manchmal erst zu einer Darstellung
kommt, zu der man dann steht. Eine weitere Motivation für diesen Vortrag kam
noch hinzu, als ich zufällig eine Rezension eines anderen
Meteorologie-Lehrbuches las, aus der ich hier nur eine kleine Passage zitiere:
"An der Basis unseres Wissens ändert sich im Laufe der Zeit herzlich wenig. Wieso also eine neue Kollektion von ... , Bewegungsgesetzen, Strahlung usw.?"
Ich bin der Meinung, dass
ein in langen Jahren hingebungsvoll geschriebenes Buch auch in einer Rezension
nicht unbedingt als "Themenkollektion" bezeichnet werden sollte. -
Soviel zur Form dieser Rezension. Was den Inhalt dieses Zitates
betrifft, so ist auch mein Buch betroffen. Und schlimmer noch, dass
ausgerechnet die beiden genannten Themen auch in meinem Buch Schwerpunkte
bilden, wollte ich in meinem heutigen Vortrag eigentlich damit begründen, dass
sich "an dieser Wissensbasis" eben doch sehr viel geändert habe!
Aber, nur Mut, dachte ich mir, vielleicht gelingt es mir ja, meine Zuhörer von meiner
Auffassung zu überzeugen.
Natürlich kann ich in einem Vortrag die eben doch vorhandenen Veränderungen der
Wissensbasis nicht detailliert beschreiben. Ich kann aber versuchen, Fragen zu
stellen, die erkennen lassen, dass sich etwas ändern musste! Das entspricht
auch meinem immer wieder versuchten didaktischen Ansatz, nämlich vermeintliche
Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, und das auf hoffentlich so kluge
Weise, daß Hörer oder Leser möglichst vor Neugierde darüber platzen, wie denn
wohl die Lösung sei. Mein Problem dabei war allerdings, dass diese Fragen
manchmal "so klug" waren, dass ich sie selbst nicht beantworten
konnte, und auch in der Literatur keine Antwort fand. Und so musste es ja zu
den erwähnten Umwegen und Sackgassen kommen. Hier ist nun eine Aufstellung der
Fragen, die ich für diesen Vortrag ausgewählt habe.
(1) Wieso gibt es Druckänderungen im dichtekonstanten barotropen
Modell mit fester oberer Berandung?
(2) Warum erteilt die die Hamiltontheorie der Energie eine Sonderrolle
innerhalb aller Erhaltungsgrößen? Ist das überhaupt gerechtfertigt?
(3) Wieso feiern die Hamiltonschen kanonischen Gleichungen fast überall
große Erfolge, nur nicht in der Meteorologie?
(4) Wieso enthält die Impulsbilanzgleichung - (das ist ja die integrierte
Bewegungsgleichung) - einen Quellterm, obwohl der Impuls eine globale
Erhaltungsgröße ist?
(5) Müsste ein Strahlungswärmestrom, der ja auch von "kalt nach warm"
gerichtet sein kann, nicht den Zweiten Hauptsatz verletzen?
(6) Wieso wurde die Strahlung erst 1984 in die Gibbs'sche Theorie der
Thermodynamik eingebaut?
(7) Muss "Klima" als eine (genauer zu spezifizierende) Statistik über das
Wetter definiert werden, und damit auch als Statistik über die Physik
des Wetters, oder gibt es auch eine eigenständige Klima-Physik ?
(8) Wie kann man die relative Temperaturkonstanz auf der Erde während der
letzten zwei Milliarden Jahre verstehen, obwohl sich seitdem die Solar-
"Konstante" um 30% erhöht hat?
(9) Wieso gibt es so viele Formulierungen der Hauptsätze, aber selten oder
nie Beweise für die Äquivalenz dieser Formulierungen ?
(10) Wieso wird in Lehrbüchern meist nur entweder eine "Thermodynamik
der Hauptsätze" oder eine "Gibbs'sche Thermodynamik" beschrieben?
Diese Aufstellung enthält
praktisch die Gliederung meines Vortrags. Ich komme auf jeden einzelnen Punkt
zurück. Die Liste enthält immerhin vier Fragen zur "ach so festen"
Wissensbasis "Bewegungsgesetze" und zwei Fragen zur Wissensbasis
"Strahlung". Dann schließen sich noch zwei Fragen zur
Klima-Problematik an, und schließlich zwei Fragen zur Thermodynamik. Es ist wie
gesagt nur eine kleine Themen - Auswahl. Auch viele andere Themen haben
das Gemüt des Autors nachhaltig beeinflusst. Gern hätte ich etwas zur
Chaostheorie mit ihren Bezügen zu Thermodynamik, Strukturbildungstheorie und
Meteorologie gesagt, oder zu Névirs Dynamischen Zustandsindex, der bereits
Gegenstand verschiedener Forschungsprojekte ist, oder über Stabilitätsfragen
meteorologischer Zustände, usw., usw.
Natürlich stammen nur die wenigsten der insgesamt sehr vielen im Buch
behandelten Fragen und Antworten von mir selbst. Die Themen - Auswahl hier für
diesen Vortrag enthält jedoch einige Ausnahmen. Die erste Frage:
(1)
Wieso gibt es Druckänderungen im dichtekonstanten barotropen Modell mit fester
oberer Berandung?
ist auch historisch gesehen meine erste Frage, die mir so richtig zu schaffen
machte. Ich stieß auf sie, als ich 1973 eines der ersten Hefte der Zeitschrift
"Promet" gelesen hatte. Dort hieß es:
"Dieses Modell lässt sich vorstellen als eine inkompressible, homogene
Flüssigkeit mit konstanter Dichte, welche sich zwischen zwei horizontalen
Platten reibungsfrei und stets nur horizontal bewegen darf." --- Wenig
später kommt der mir unverständliche Satz:
"Dennoch sind horizontale Druckunterschiede möglich."
Wie kann das sein? - Tatsächlich enthält das Modell Rossbywellen, das ist
nicht zu leugnen. Andererseits muß man sich fragen, wie kann es zwischen zwei
horizontalen Platten zu wellenartigen Druckunterschieden kommen? Die vertikalen
Luftsäulen sind doch alle gleich hoch! Und der Druck ist doch nichts anderes
als das Gewicht dieser Säulen! Und die Dichte ist doch überall gleich!
Auch heute verstehe ich diesen Satz nicht, aber ich glaube wenigstens zu
wissen, warum. Weil er gar nicht stimmt! Das Modell enthält zwar Rossbywellen,
aber dennoch keine horizontalen Druckunterschiede! Zu diesem Schluss kam ich,
als ich mich mit den umbruchartigen Veränderungen der Bewegungsgesetze beschäftigte,
die Herr Névir in seiner Habilitation unter dem Begriff Energie-Wirbeltheorie zusammengefasst
hat.
Diese neue Theorie hebt die Wirbelgröße auf die gleiche fundamentale Stufe, die
auch die Energie einnimmt. Das bedeutet, daß die Hamilton-Theorie die Energie
in unberechtigter Weise bevorzugt, dass die Hamilton-Theorie also verallgemeinert
werden muss. Diese Verallgemeinerung hat der Elementarteilchenphysiker Nambu
bereits vor etwa 30 Jahren für die Kreiseltheorie durchgeführt. Später haben
Névir und Blender diese Verallgemeinerung für die inkompressible Hydrodynamik
durchgeführt, und nun Névir für die ganze Ideal-Atmosphäre.
Im weiteren Verlauf des hier zitierten "Promet"-Textes geht auch
hervor, dass die Rossbywelle nicht aus der klassischen Bewegungsgleichung
hergeleitet wird, die ihrerseits aus dem Hamiltonprinzip kommt, sondern aus der
Vorticitygleichung. Diese Tatsache ist natürlich altbekannt. Aber sie
erhält nun, da Vorticity und Energie die gleiche Bedeutung haben, einen ganz
anderen Stellenwert!
Die Vorticitygleichung ist eine fundamental eigenständige Gleichung! Wegen
dieser Eigenständigkeit ist gar nicht zu erwarten, dass ihre Lösungen
Druckunterschiede beschreiben. Die Rossby-Lösung der Vorticitygleichung
beschreibt eine Wellenverlagerung von Vorticityzentren, und nicht von
Druckzentren! Und horizontale Vorticity-Unterschiede sind möglich, auch
zwischen horizontalen Platten! --- Zur ganzen Wahrheit der Rossbywellen gehören
natürlich auch Druckunterschiede. Die Energie-Wirbeltheorie besagt ja gerade,
daß auch eine reine Wirbelsicht einseitig ist. Jedes Mal fehlt ein Teil
der Wirklichkeit. Die Vorticity-Verlagerung wird durch die Wirbelkomponente,
die Druck-Verlagerung durch die Energiekomponente einer umfassenden
Theorie beschrieben. Der Punkt ist nur, dass die Energie-Sicht in einem Modell
zwischen zwei Platten nicht zum Zuge kommen kann, wenn man Konvergenzen und
Druckunterschiede beschreiben will. Nur die Wirbel-Sicht kann durch diese
Rand-bedingung bedient werden. Die Energie-Sicht beansprucht jedoch ein Modell
mit freier Oberfläche!
Mit dieser Antwort auf Frage (1) sind die Fragen (2) und (3) praktisch
mitbeantwortet:
(2)
Warum erteilt die die Hamiltontheorie der Energie eine Sonderrolle innerhalb
aller Erhaltungsgrößen? Ist das überhaupt gerechtfertigt?
Die Antwort lautet "Nein, nicht gerechtfertigt". Und weiter:
(3)
Wieso feiern die Hamiltonschen kanonischen Gleichungen fast überall große
Erfolge, nur nicht in der Meteorologie?
Die Antwort hierauf wird offenkundig, wenn man sich die entscheidende Bedeutung
der Wirbel im atmosphärischen Geschehen klarmacht. Die Hamiltonsche Theorie konnte
in ihrer einseitigen Energie-Sicht gar keinen durchschlagenden Erfolg haben!
Wohl als unbewusste Folge dieser Einseitigkeit hatten sich ja auch andere
theoretische Ansätze etabliert, solche, die auf der Wirbelgröße
"Potentiellen Vorticity" (PV) basieren. Bisher gab es jedoch keine
theoretischen Verknüpfungen zwischen den PV-Analysen und den Untersuchungen auf
Energetik-Basis. Erst die Energie-Wirbeltheorie verbindet beide Ansätze zu
einer einheitlichen Theorie.
Diese Verknüpfung ist nicht nur grundsätzlich sehr befriedigend, sie entfaltet
auch ein weit größeres Anwendungsspektrum als die Summe der beiden separaten
Ansätze vorher. In meinem Buch werden einige Anwendungen beschrieben, nicht nur
der schon erwähnte dynamische Zirkulationsindex. --- Kommen wir nun zur
nächsten Frage:
(4)
Wieso enthält die Impulsbilanzgleichung - (das ist ja die integrierte
Bewegungsgleichung) - einen Quellterm, obwohl der Impuls eine globale
Erhaltungsgröße ist?
Was ein Quellterm ist und was nicht, erkennt man am besten an einer
Bilanzgleichung für ein Luftpaket. Da ich aber einen Vortrag ohne Formeln
halten wollte, beschreibe ich das hier verbal. Die Bilanzgleichung beschreibt
die Änderung des Gehaltes einer beliebigen extensiven Größe. Man kann z.B. den
Energiegehalt des Luftpaketes, den Entropiegehalt oder auch den Ozongehalt
bilanzieren. Die Frage (4) zur Bewegungsgleichung ist eine Frage an die Impulsbilanz.
Nun liest man in Lehrbüchern, dass es für solche Änderungen grundsätzlich nur
zwei Möglichkeiten gibt. Erstens kann die extensive Größe durch die Oberfläche
des Luftpaketes hindurch importiert oder exportiert werden, und zweitens kann
sie im Inneren des Luftpaketes erzeugt oder vernichtet werden. In den
Bilanzgleichungen können also Oberflächenintegrale über Transporte und Volumenintegrale
über Quellen und Senken erscheinen. Diese beiden Möglichkeiten spiegeln z.B.
die bange Frage wieder, ob denn Ozon-Verdünnungen auf "dynamische
Prozesse" oder auf "Ozonlöcher" zurückzuführen sind. Dynamische
Prozesse werden durch Oberflächenintegrale über Ozonflüsse beschrieben,
Ozonlöcher hingegen durch Volumenintegrale über Ozonsenken.
Ein anderes instruktives Beispiel ist die Entropiebilanzgleichung. Das
Oberflächenintegral über die Entropie - Flüsse beschreibt reversible
Prozesse, und das Volumenintegral über die Entropie - Quellen beschreibt irreversible
Prozesse.
Ozon - und Entropiebilanzen haben deswegen Volumenintegrale über Senken oder
Quellen, weil sie keine globalen Erhaltungsgrößen sind. Ganz
entsprechend hat die Bilanzgleichung der Energie kein Volumenintegral,
weil sie eine Erhaltungsgröße ist. --- Unser Problem (4) besteht nun
darin, daß die Impuls-Bilanzgleichung von diesem Schema abweicht. Sie hat
ein Volumenintegral, obwohl der Impuls eine Erhaltungsgröße ist!
Meine Lösung des Problems lautet: Das Volumenintegral der Bewegungsgleichung
ist kein wirklicher Quellterm. Es ist wie das Oberflächenintegral ein
Austauschterm. Nur ist es kein Austausch mit der Umgebung des Luftpaketes,
sondern ein Austausch im Inneren, und zwar mit dem dort ebenfalls anwesenden
Gravitationsfeld. Die Liste von nur zwei logischen Möglichkeiten
"Transporte nach außen bzw. von außen" und "Quellen im
Inneren" muß also ergänzt werden durch einen dritten Punkt "Austausch
im Inneren".
Details können in meinem Buch nachgelesen werden, und vermutlich nur hier. Ich
kenne jedenfalls keine Literaturstelle zur Theoretischen Meteorologie, wo diese
Problematik auch nur erwähnt wird, geschweige denn beantwortet. Die hier
gegebene Antwort fiel mir nicht plötzlich ein. Zuerst einmal musste ich
mich trauen, eine solche elementare Frage überhaupt zu stellen. Und die Antwort
gewann erst Gestalt nach sehr vielen Umwegen und Sackgassen. Ich habe mich auch
lange vor Folgerungen meiner Antwort gescheut. Sie erfordert nämlich, dass die
schon genannte quellfreie Energiebilanz so umgeschrieben werden muss, dass auch
sie einen formalen Quellterm enthält! Es ist doch unlogisch, in der
integrierten Bewegungsgleichung die inneren Volumen-Kräfte durch ein
Volumenintegral zu berücksichtigen, die Leistungen dieser inneren Kräfte
in der Energiegleichung jedoch nicht!
Die Vermeidung eines solchen Quelltermes in der üblichen Energiebilanzgleichung
geschieht dadurch, dass man die Potentielle Energie, die eine Energieart des
Gravitationsfeldes ist, von vornherein zu den Energiearten des Luftpaketes
rechnet. Dieser Trick lässt sich in der Impulsbilanz nicht anwenden.
Zwar gibt es tatsächlich auch Potentiellen Impuls, denn das Gravitationsfeld
kann nicht nur Energie, sondern eben auch Impuls speichern, aber dieser kann
dem Luftpaket nicht ständig zugeordnet werden. Vielmehr muß er mit dem
Luftpaket intern ausgetauscht werden! Und das führte zur Fehlinterpretation
einer Impuls - Quelle.
Fragen wir uns nun, ob wenigstens die Wissensbasis zur "Strahlung"
standhält. Aber auch da sieht es nicht so gut aus:
(5)
Müsste ein Strahlungswärmestrom, der ja auch von "kalt nach warm"
gerichtet sein kann, nicht den Zweiten Hauptsatz verletzen?
(6)
Wieso wurde die Strahlung erst 1984 in die Gibbs'sche Theorie der Thermodynamik
eingebaut?
Derjenige, der die Frage (5) gestellt hat, heißt Max Plank. Er formte in einem
Gedankenexperiment eine konvexe Linse aus Eis, also ein Brennglas, und er
entfachte damit ein Feuer. Ganz offensichtlich fließt hier ein
Strahlungswärmestrom von kalt nach warm, von der kalten Linse zum heißen Feuer.
Normalerweise fließen Wärmeströme ja von warm nach kalt. Sie gleichen so die
Temperaturgegensätze irreversibel aus, vermehren dabei die Entropie und genügen
dem Zweiten Hauptsatz. Der schon erwähnte positive Quellterm der
Entropiebilanzgleichung "lebt" davon, dass der Wärmestrom immer schön
brav von warm nach kalt fließt. In Plancks Gedankenexperiment tut er das nicht.
Gilt also der Zweiten Hauptsatz nicht immer?
Als mich diese Fragen beschäftigten, bekam ich den Auftrag, eine Dissertation
von Herrn Pelkowsky aus Frankfurt/Main zu beurteilen. Sein Doktorvater, Herr
Professor Herbert, hatte zusammen mit Dr. Ulrich Callies eine Lösung des
Problems (5) beschrieben, auf die ich gleich kurz zu sprechen komme. Pelkowsky
wendete nun diese Lösung in praktischen Modellrechnungen an. So ergab sich für
mich der Zwang und die Chance, mich gründlich in die Thematik einzuarbeiten.
In aller Kürze also: Planck beantwortete seine eigene Frage dadurch, dass er
nicht das ganze Strahlungsfeld betrachtete, sondern einzelne Strahlenbündel,
sozusagen die "Atome" des Strahlungsfeldes. Für diese formulierte er
eine Beziehung zwischen der Entropie und der Energie, die in Einklang mit dem
2. Hauptsatz ist. 1984 nun veröffentlichten Callies und Herbert, daß diese
Planck'sche Beziehung gerade die Struktur einer Gibbs'schen Fundamentalform
hat, und sie entwickelten aus dieser Erkenntnis heraus eine Gibbs'sche Theorie
nun auch des ganzen Strahlungsfeldes. Das beantwortet die obige Frage (6). Wenn
Planck und Gibbs etwas voneinander gewusst hätten, wäre das sicher schon früher
passiert.
Beim Ausformulieren dieser Zusammenhänge für das Buch hatte ich ein
unerwartetes Erfolgserlebnis, diesmal ganz ohne Umwege und Sackgassen.
Ich hatte ja schon vorher das Luftpaket als ein intern offenes System
behandelt, um eine physikalisch unsinnige Impulsquelle als innere
Wechselwirkung mit dem Schwerfeld zu entlarfen. Nun schoss es mir durch den
Kopf, dass das Luftpaket ja nicht nur für Wechselwirkungen mit dem Schwerefeld
intern offen ist, sondern auch für Wechselwirkungen mit dem Strahlungsfeld!
Entsprechend muss man auf weitere unerwartete sogenannte Quellterme gefasst
sein! Tatsächlich hatte Pelkowski 1995 in seiner Dissertation und auch in einem
Seminarvortrag hier bei uns in Berlin einen solchen Fall beschrieben und ihn
als "unerklärlich" bezeichnet. Nach der soeben gegebenen
Interpretation liegt jedoch auch hier nur eine formale Quelle vor. Sie
verletzt nicht den Zweiten Hauptsatz, denn sie beschreibt keine
Entropie-Vernichtung, sondern einen internen Entropie-Austausch des materiellen
Systems mit dem Strahlungsfeld. Inneren Austausch im Luftpaket gibt es also
nicht nur mit dem Schwerefeld, sondern auch mit dem elektromagnetischen Feld!
Kommen wir nun den beiden klimatologischen Fragestellungen. Zunächst:
(7)
Muß "Klima" als eine (genauer zu spezifizierende) Statistik über das
Wetter definiert werden, und damit auch als Statistik über die Physik
des Wetters, oder gibt es auch eine eigenständige Klima-Physik?
Ebenso, wie Klima zweifellos etwas mit Statistik über Wetter zu tun hat, könnte
man auch Wetter als Statistik über subskalige, turbulente Prozesse definieren,
und die turbulenten Bewegungen wiederum als Statistik über alle
Molekularbewegungen.
Jedoch würde kein Mensch mit 1023 Bewegungsgleichungen für
Billardkugeln die Stoßbewegungen der Moleküle ausrechnen, um dann durch eine
Mittelung die turbulente hydrodynamische Bewegung zu gewinnen. Vielmehr
verwendet man eine Gleichung, die vonvornherein für die größere Skala
gilt, die Navier-Stokes'sche Gleichung! Das geht aber nur deshalb, weil es
zwischen der Molekularbewegung und der Turbulenzbewegung einen Qualitätssprung
gibt. Es gibt eben eine eigenständige Physik in der größeren Skala! Die
neue Qualität ist das "Lokale Thermodynamische Gleichgewicht", das es
auf der Ebene der Moleküle noch nicht gibt.
Ebenso ist auch die synoptische Bewegung nicht nur zu Verstehen als Summe aller
subsynoptischen Bewegungen. Auch hier hat die größere Skala eine neue Qualität,
die die Turbulenz noch nicht hatte. Das ist die
quasi-geostophisch-hydrostatische Dynamik, die es auf Turbulenzebene noch nicht
gibt. Wegen dieser neuen Dynamik braucht man nicht alle atmosphärischen
Turbulenzwirbel ausrechnen, um dann durch Mittelung den synoptischen Zustand zu
gewinnen.
Erschöpft sich nun das Klima in einer Statistik über beobachtetes oder
simuliertes Wetter, oder gibt es noch einmal neue physikalische Gesetze,
die direkt auf das Klima anwendbar sind, weil sie Ausdruck einer neuen Qualität
sind, die erst in der noch einmal größeren Skala auftaucht?
Diese Frage hat man sich vor 25 Jahren auch schon gestellt. Damals bat mich
Herr Professor Fortak um meine Meinung zu einer Arbeit von Hasselmann. Dabei
fiel mir auf, dass Hasselmann offenbar eine Gleichung vorschlug, die
vonvornherein für das Klima zuständig ist. Sein physikalischer Ansatz basierte
auf der Annahme, dass das Klima vom Wetter ebenso angetrieben wird wie ein
Brown'sches Teilchen von der Molekularbewegung. Wenn man aber Klima als
Brown'sche Bewegung auffasst, hat man natürlich eine eigene Physik des Klimas
postuliert, mit einer eigenen Gleichung.
Aus mancherlei Gründen, die ich im Buch diskutiere, hat sich dieser
fortschrittliche Modellansatz nicht durchsetzen können. Das Buch enthält aber
auch einen neuen Vorschlag zum gleichen Thema, der auf meinen Doktoranden,
Herrn Dr. Hauschild, zurückgeht, und der durch Analysen von Daten, die Herr Dr.
Reimer zur Verfügung gestellt hat, gestützt wird. --- Die achte Frage:
(8)
Wie kann man die relative Temperaturkonstanz auf der Erde während der letzten
zwei Milliarden Jahre verstehen, obwohl sich seitdem die
Solar-"Konstante" um 30% erhöht hat?
hatte ich schon in die Diskussionen zu den beiden letzten
Habilitationsvorträgen eingebracht. - Welche Klimaänderungen gab es in den
letzten 2 Milliarden Jahren? Vorherrschend waren völlig eisfreien Perioden, die
jeweils mehrere hundert Millionen Jahre andauerten. Sie wurden unterbrochen von
Eiszeitaltern, die jeweils nur wenige Millionen Jahren andauerten. Insgesamt
betrugen die Temperatur - Unterschiede kaum 10 Grad, vermutlich weniger. Das
hat zwar noch immer gewaltige Auswirkungen, ist aber nicht zu vergleichen mit
entsprechenden klimatologischen Entwicklungen auf Mars und Venus, wo heute
minus 60 C bzw. plus 460 C herrschen.
Diese Planeten sind vor knapp 5 Milliarden Jahren gemeinsam mit der Erde
entstanden. Alle drei Planeten bekamen dabei ähnliche Anfangsbedingungen für
ihre klimatischen Entwicklungen, natürlich bis auf ihre unterschiedlichen
Entfernungen von der Sonne. Aber diese erklären keinesfalls direkt die heutigen
Temperaturunterschiede zwischen Mars und Venus. Z.B. hat die Venus eine so hohe
Albedo, dass der Standortvorteil "Sonnennähe" schon dadurch wieder
zunichte gemacht wird!
Die in Frage (8) angesprochene relative Temperaturkonstanz der Erde ist also
nicht nur erstaunlich angesichts der Erhöhung der Solarkonstante, sondern auch
angesichts des völlig unterschiedlichen Verhaltens von Mars und Venus. Wo also
ist der irdische Temperatur - Regelmechanismus? Wo ist der Thermostat, der auf
der Erde funktioniert, auf Mars und Venus aber nicht? Das ist unsere
Fragestellung.
Man sieht heute den Thermostaten der Erde in der Fähigkeit, das Treibhausgas CO2
bei Erwärmung zu reduzieren und bei Abkühlung zu erhöhen. Dieser Mechanismus
arbeitet auf extrem langfristiger Skala.
Zunächst wird bei drohender Erwärmung CO2 reduziert, weil es durch
vermehrte Wolkenbildung und Niederschlag auch vermehrt ausgewaschen wird. Der
vermehrte natürliche saure Regen also liefert die stabilisierende Rückkopplung
bei Erwärmungen, er führt bei Erwärmung zu einer Verringerung des natürlichen
Treibhauseffektes.
Was aber geschieht mit dem ausgewaschenen Kohlenstoff? Dieses Geschehen ist
ungeheuer komplex. Ich habe im Buch vier verschiedene
Kohlenstoff-Unterkreisläufe beschrieben, und es gibt sicher noch mehr. Diese
haben extrem unterschiedliche Zeitskalen, da unterschiedliche Zwischenspeicher
in die Kreisläufe eingebaut sind. Kohlenstoffspeicherung geschieht z.B. in der
Land- und Meeresvegetation, in ozeanischen Zirkulationen, wobei die thermohaline
Tiefen - Zirkulation bereits eine Zeitskala von etwa 1000 Jahren hat.
Sogar in den Gesteinen der Lithosphäre wird ein kleiner Teil des ausgewaschenen
Kohlenstoffs gespeichert. Dieser Anteil wird erst dann wieder frei, wenn die
Plattentektonik die Sedimente aufreißt. Somit hat dieser vierte
Kohlenstoff-Kreislauf, der sogenannte Karbonat-Silikat-Zyklus, auch die
plattentektonische Zeitskala von Millionen von Jahren. Aber egal, wie lange es
jeweils dauert, irgendwann schließen sich alle Kohlenstoffkreisläufe.
Das unterschiedlich lange gespeicherte CO2 gelangt langfristig komplett
in die Atmosphäre zurück.
Langfristig gesehen, garantieren also die Kohlenstoffkreisläufe einen
gleichbleibenden natürlichen CO2 - Eintrag in die Atmosphäre. Jetzt
verstehen wir den irdischen Thermostaten auch dann, wenn eine Abkühlung droht.
Dann verringern sich Verdunstung, Wolkenbildung, Niederschlag und das
"Auswaschen" von CO2. Der natürliche CO2 -
Eintrag aus den geschlossenen Kreisläufen bekommt langfristig ein
Übergewicht und heizt das natürliche Treibhaus wieder an.
Der irdische Thermostat arbeit hiernach also ganz ohne die sogenannte
"Gaia-Hypothese", also auch ohne Mitbeteiligung irdischen Lebens. Die
Frage sogar, ob die Erde selbst ein Lebewesen wäre, empfinde ich persönlich als
spekulativ. Dem widerspricht aber nicht, daß Lebewesen auf der Erde den
Thermostaten unterstützen können. Das bekannteste Beispiel ist wohl das
Phytoplankton, welches das CO2 - Auswaschen verstärken kann, weil
seine Stoffwechselprodukte als Kondensationskeime für Regentropfen wirken
können.
Warum aber arbeitet der irdische Thermostat nicht auf unseren
Nachbarplaneten? Nun, wehe wenn kein Flüssigwasser mehr zur Verfügung steht,
weil es vielleicht komplett zu Wasserdampf verdunstet ist! Dann kann CO2
nicht mehr ausgewaschen werden! Die Erwärmung kann dann nicht mehr negativ
rückgekoppelt werden, zumal ja Wasserdampf selbst ein starkes
Treibhausgas ist, sogar das stärkste. Genau das ist offenbar auf der Venus
passiert, und daher konnte dort die Temperatur auf die heutigen 460 C
ansteigen.
Auf dem Mars wurden die stabilisierenden Kohlenstoff - Kreisläufe auf andere
Weise unterbrochen. Der Planet Mars ist zu klein, um einen zähflüssigen Mantel
für die Plattentektonik zu besitzen. Somit ist zwar zunächst, wie auf der Erde,
das Treibhausgas CO2 ausgewaschen worden. Die Marskanäle zeigen ja
die frühere Existenz von Flüssigwasser. Ständig wurde auch dort ein kleiner
Teil des ausgewaschenen CO2 in Sedimenten gebunden. Diese CO2
- Speicherung war aber endgültig, da der Mars keine Plattentektonik hat!
Ständig wurde ein kleiner CO2 - Anteil an der Rückkehr zur
Marsatmosphäre gehindert! Auf Dauer wurde der natürliche Treibhauseffekt
immer geringer, bis die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sanken. Und man
sieht, daß die Sonnen - Ferne nicht der Grund dafür war, sondern die Kleinheit
des Planeten.
Kommen wir nun zu den beiden letzten Themen dieses Vortrages, die wir wieder im
Zusammenhang diskutieren können.
(9)
Wieso gibt es so viele Formulierungen der Hauptsätze, aber selten oder nie
Beweise für die Äquivalenz dieser Formulierungen ?
(10)
Wieso wird in Lehrbüchern meist nur entweder eine "Thermodynamik
der Hauptsätze" oder eine "Gibbs'sche Thermodynamik"
beschrieben?
Die Beantwortung dieser Fragen war begleitet von besonders starken emotionalen
Begleiterscheinungen. Ich beginne mit einigen aus Lehrbüchern und Handbüchern
gesammelten Versionen des Ersten Hauptsatzes der Thermodynamik:

Der Erste Hauptsatz muss ja die Energieerhaltung in thermodynamisch relevanter
Form ausdrücken. Die 5 ersten Versionen tun dies durch die Aussage, dass die
Innere Energie U eines Systems nur dann zunehmen kann, wenn man an dem System
Arbeit leistet und/oder wenn man dem System Wärme zuführt, wofür die hier
aufgeführten 5 unterschiedlichen Symboliken verwendet werden.
Allerdings ist die 5. Version falsch, weil Arbeit und Wärme Energieänderungen
sind, die man nicht durch Differentiale von Zustandsgrößen ausdrücken kann.
Wenn das der Fall wäre, wäre z.B. die Arbeit nach einem Kreisprozess genauso groß
wie vorher, d.h. Wärmekraftmaschinen könnten gar keine Arbeit abgeben. Es gäbe
dann keine Autos und auch keine bewegte Atmosphäre. Und dennoch findet man
diese Gleichung z.B. in einem so genannten "Atlas der Physik". - Auch
die 4. Version aus einem "Handbuch naturwissenschaftlicher
Grundbegriffe" ist formal falsch, denn Arbeit und Wärme sind weder
Zustandsgrößen noch Differentiale von Zustandsgrößen.
Die 3. Version ist die Gibbs'sche Fundamentalform, wenn auch nur für ein
ruhendes ideales Gas. Eine Gibbsform hat jedoch eine ganz andere Aufgabe als
ein erster Hauptsatz. Sie soll nicht angeben, wie sich die Innere Energie
ändern muss, damit die Gesamtenergie erhalten bleibt, sondern sie hat die
Aufgabe, alle überhaupt möglichen Prozesse aufzuzählen, egal, ob dabei
irgendwelche Größen erhalten bleiben oder nicht. Die 2. Version ist als
Mischform auch nicht überzeugend. Wirklich korrekt ist eigentlich nur die 1.
Version, obwohl viele das Nichtdifferential-Symbol "Delta" nicht mögen.
Zum Glück gibt es auch Formulierungen des Ersten Hauptsatzes, in denen die
Begriffe "Arbeit" und "Wärme" nicht vorkommen. Die
6. Version (aus einem Physik-Lehrbuch) beschreibt die globale Erhaltung der
Energie dadurch, daß sie sich nicht durch innere Prozesse ändern darf. Diese
Formulierung erinnert an die hydrodynamischen Bilanzgleichungen, und sie
verdeutlicht auch den Unterschied zur Nicht - Erhaltung der Entropie.
Besonders "schön" (nun aber wieder in Anführungsstrichen) ist noch
die wörtliche Gegenüberstellung der beiden letzten Versionen 7 und 8, wiederum
aus Lehrbüchern entnommen. Offenbar kann der Erste Hauptsatz nicht gleichzeitig
identisch und ein Spezialfall der Bilanzgleichung für die Innere
Energie sein!
Ich dachte an die armen Studierenden, die gerne für eine Prüfung den Ersten
Hauptsatz lernen möchten, dazu verschiedene Bücher zu Rate ziehen und dann
erkennen müssen, daß es vor allem darauf ankommt, gerade das Buch zu
nehmen, welches auch der prüfende Professor hat. Irgendwelche Beziehungen oder
Umrechnungen zwischen all diesen (und weiteren) Formulierungen des Ersten
Hauptsatzes wird man nämlich kaum finden. Hinzu kommt, daß es auch noch die
unterschiedlichsten Definitionen von Wärme gibt. Da gibt es eine ausgetauschte
Wärme, eine Clausius'sche Wärme, eine erzeugte Wärme, eine reduzierte Wärme,
eine thermodynamische Wärme, eine umgangssprachliche Wärme.
Also beschloß ich, in meinem Buch diesen Sumpf trockenzulegen. Ich war guten
Mutes, dieses tun zu können. Ich hatte schon in meinem Vorlesungsskript von
1994 einige spezielle Beziehungen zwischen Hauptsätzen, Gibbstheorie und
Hydrodynamik beschrieben, und ich hatte bestimmte Vorstellungen, wie man das
nun auch ganz allgemein formulieren könnte.
Während des Sommerurlaubes 1999 auf der Insel Usedom sollte es nun endlich
passieren. Die Fragen (9) und (10) sollten allgemein beantwortet werden. Ich
hatte wie immer mein Notebook mitgenommen und tippte fröhlich vor mich hin.
Plötzlich lähmte mich jedoch ein bestimmter Gedanke, und ich mußte mich
entsetzt fragen, ob mein Ansatz ganz falsch sei. Natürlich überprüfte ich immer
und immer wieder meine Gedanken, aber es blieb zunächst dabei: Meine Hoffnung,
so etwas wie eine einheitliche Gibbs'sche Hydro-Thermodynamik formulieren zu
können, hatte sich in einer Sekunde zerschlagen! Dies ist wohl der finsterste
Abschnitt meiner Autoren-Erfahrung.
In meiner Enttäuschung beschloss ich, eine nur wenig erweiterte Version meines
vergriffenen Vorlesungsskripts anzubieten. Ich begann noch während des Usedom-Urlaubs
mit entsprechenden Kürzungen. Das war schon rein technisch nicht so einfach,
weil mein Formel-Schreibprogramm "Chi-Writer", ein altes
DOS-Programm, keine automatischen Anpassungen von Inhaltsverzeichnis, Index und
Formelnummern vornimmt. All das musste per Hand geschehen.
Konvertierungsversuche nach Winword oder LaTex waren fehlgeschlagen. Das war
die Strafe dafür, dass ich nicht rechtzeitig auf die neuen Programme
umgestiegen war.
Kurz nach diesem legendären Urlaub taten mir die meisten Kürzungen schon wieder
leid. Nicht alle herausgenommenen Textstellen hatten sich fundamental auf die missglückte
Gibbs'sche Hydro-Thermodynamik bezogen, und sie enthielten auch andere
Gedankengänge, die so in anderen Büchern nicht zu finden sind. Also habe ich
hier dieses, dort jenes wieder eingebaut, und alle Bezüge wiederum per Hand angepasst.
Nun fragte mich Herr Dr. Herzog, ob ich mich mal mit Bilanzgleichungen
heterogener System befasst hätte. Ich hatte tatsächlich eine Ausarbeitung aus
den 80er Jahren in der Schublade, aber sollte ich dieses Riesenthema auch noch
in das Buch aufnehmen? Man müßte die einfache quellfreie Kontinuitätsgleichung
ergänzen durch Quellen - behaftete Bilanzgleichungen für die Partialmassen, man
hätte es mit mehreren Strömungsgeschwindigkeiten zu tun, usw. - Anderereits
hatte ich offenbar auch dazugelernt, denn ich konnte so manches aus dem ersten
Entwurf abkürzen und vereinheitlichen. Dies konnte ich insbesondere dann tun,
wenn ich bestimmte Voraussetzungen einführte, die für die Atmosphäre sehr
plausibel sind.
Diese Voraussetzungen nenne ich in meinem Buch die "Atmosphärische
Realisierungsapproximation". Sie umfasst z.B. die Forderung, dass
atmosphärische Druckänderungen quasistatisch realisiert sind, oder daß das
Schwerefeld für alle Massenkomponenten eines kleinen Luftpaketes gleichstark
ist. Ich merkte insbesondere, daß unter solchen Voraussetzungen die heterogene
Energiebilanz identisch wird mit der homogenen Energiebilanzgleichung, mit der
wir bisher sowieso immer gearbeitet hatten, vielleicht ein wenig gedankenlos.
Die Entropiebilanzgleichung allerdings muß auch nach Einarbeitung der
"Atmosphärischen Realisierungsapproximation" heterogen verwendet
werden, obwohl auch sie sich stark vereinfacht.
Und nun kommt meine schönste Erfahrung als Buchautor. Ich erkannte, dass unter
den Voraussetzungen der "Atmosphärischen Realisierungsapproximation"
mein Usedomer Konzept doch richtig ist! Zum Glück hatte ich den Text noch nicht
gelöscht, ich konnte das "Backup" reaktivieren und unter den neuen
Gesichtspunkten wiederverwenden.
Ein Knackpunkt war allerdings noch immer dabei, nämlich der, daß die
Reibungswärme gar keine Wärme ist, sondern Arbeit! Reibung ist die Arbeit der
Scherspannungen bei einer Deformation des Luftpaketes, vergleichbar mit der
Arbeit der Druckspannung bei Volumenänderungen. Die Summe beider Arbeiten ergab
dann einen neuen vollwertigen Gibbs'schen Arbeitsterm.
Mehr oder weniger von allein entstand so eine einheitliche Formulierung, welche
die Gibb'schen Gleichungen, die Hauptsätze und die hydrodynamischen
Bilanzgleichungen unter einen Hut brachte. Warum eigentlich berücksichtigte die
bisherige Thermodynamik entweder keine Erhaltungseigenschaften, wie die
Gibbs'sche Thermodynamik, oder allenfalls die Erhaltung der Energie, wie die
Thermodynamik der Hauptsätze? Es liegt doch eigentlich nahe, eine Thermodynamik
zu begründen, die alle Erhaltungsgrößen nutzt. Das ganze ließ sich sogar
auf einem relativ niedrigen technischen Level darstellen. Wenn man erst weiß,
wie es geht, fragt man sich einmal mehr, warum man das nicht schon früher
gesehen hat.
Im Hochgefühl dieses Erlebnisses dachte ich nun, daß es ja eigentlich ganz toll
wäre, wenn das Buch noch weiter abgerundet würde, wenn noch andere moderne
Sachen in das Buch einfließen würden, jedenfalls in ihrer Grundstruktur. So
müßte das Buch auch einige Abschnitte über die Stratosphäre enthalten. Und die
Grenzschicht sollte nicht nur die lineare Ekman-Physik enthalten. Und die
meteorologische Relevanz der Chaostheorie mit hineinzunehmen, macht ja fast
keine Arbeit, (dachte ich), und die Energie-Wirbel-Theorie war ja sowieso schon
drin.
Jedenfalls ist nun das zwischenzeitlich "kleine" Buchprojekt sogar
größer geworden als nach der Ursprungsplanung. Es sollte nun aber nicht
nur beim Studium helfen, sondern auch noch nach dem Studium nützlich sein.
Damit bin ich am Ende meiner Erfahrungs - Sammlung als Lehrbuchautor
angekommen. Wenn ich Ihnen nicht nur meine Gefühlswelt, sondern auch einige
inhaltliche Aspekte vermitteln konnte, und wenn ich vielleicht noch ein wenig
Reklame für das Buch gemacht haben sollte, dann ist ja heute noch eine weitere,
gute Erfahrung hinzugekommen.